Die Horde in Amerika
Etwas über das Ende der Horde im Gegenwind (Spoiler!) …
In einer Bibliothek findet Sov zwei Sätze, die sein Leben verändern. Das erste Kapitel von Baudrillards "Amerika" endet (nach einer Reflexion über die Bewegung durch den Raum oder die Wüste) mit einem dieser Sätze:
Tomorrow is the first day of the rest of your life.
Und es geht hier auch ums Reisen, die Reise überhaupt. Baudrillards Reise nach Amerika ist, wie die Reise der Horde ins Fernstromauf, eine Reise, die auf den Punkt ohne Wiederkehr zielt.
Irgendwann kommt die Horde an einen Ort, an dem es nicht mehr weiter geht. Das Fernstromauf? Aber sie (dieses Grupjekt) findet dort nicht das erhoffte Paradies, den Garten … sondern eine Klippe.
Der Okzident endet wie eine Reise, die ihren Sinn verliert, in einem sinnentleerten Ufer. Die riesige Metropole von Los Angeles scheitert mit derselben Trägheit, wie eine Wüste, am Meer.
– Baudrillard "Amerika" (89)
Am Ende verliert die Reise ihren Sinn. Nicht weil sie jetzt sinnlos wird, sondern weil sie ihr Ende erreicht. Sie verweist nur noch auf anderes, auf das, was nach ihr kommt, aber nicht mehr auf sich selbst. Sie ist vor-bei. Die Reise ist am Ende einfach zu Ende, es geht nicht mehr weiter. Nach und nach sterben die verblieben Hordlinge (Golgoth schafft es vorher, über die Klippe hinaus zu gehen) und Sov ist, wie von irgendeinem Chron vorhergesehen, alleine.
Doch irgendwann und irgendwie stürzt er von der Klippe, aber er überlebt seinen Fall und landet im Fernstromab, zurück am Anfang der Reise. Fernstromauf und Fernstromab, Anfang und Ende fallen (ja wirklich) zusammen.
Aber eben das ist die Frage. Und der entscheidende Moment der Reise ist derjenige, wo sich brutal offenbart, daß es kein Ende gibt – man wusste es seit langem; hier aber gibt es etwas Neues: die Bewegung selbst ändert sich […] So [wie im Düsentriebwerk] wird der zentrifugale, exzentrische Punkt erreicht, an dem die Zirkulation die Leere schafft, die uns ansaugt. Dieser Augenblick des Taumels ist auch der des möglichen Zusammenbruchs […] wegen [der Müdigkeit] beim umkehrlosen Vorstoß in die Wüste der Zeit.
– Baudrillard "Amerika" (22)
Man stellt fest, dass es den Punkt ohne Wiederkehr nicht gibt, dass man wieder zurück blättern und das Buch noch einmal lesen könnte und nichts sich geändert hätte. Aber natürlich hätte sich alles geändert. Die Bewegung durch das Buch wird eine neue, wenn man das Buch schon kennt, den Weg schon gegangen ist.
Es gibt hier eine Überschreitung. Aber der Punkt ohne Wiederkehr ist kein besonderer Punkt, kein Ereignis, keine große Revolution. Ein Punkt ohne Wiederkehr ist jeder Moment in seinem Vorübergehen, das Vergehen der Zeit selbst.
Das ist auch das Problem Benjamins, der den Zug anhalten will. Aber es gibt hier keine Eschatologie, es ist kein Ende in Sicht. Und deswegen sucht Baudrillard die Hoffnung gerade im Vergehen der Zeit, im Wind, der alles mit sich reißt, deterritorialisiert. Die Reise muss weitergehen, man muss schneller laufen, die Zeit wird schneller laufen: das Unwahrscheinliche wird immer wahrscheinlicher, die Variationen (die Unwucht im Rad des Zuges) stärker.
This is what Baudrillard meant by a total revolution: a strategy geared to escalate the system and push it to its breaking point.
– Lotringer "Exterminating Angel" (12)
Aber totale Revolution, absoluter Umsturz kann auch eine Drehung um 360° bedeuten. Das trifft es wahrscheinlich am ehesten. Das Buch wieder von vorn beginnen, es zum zweiten, dritten, vierten Mal lesen. Natürlich geht es jedes Mal ein bisschen schneller, natürlich lernt man jedes Mal etwas dazu. Dabei wird es vor allem komplexer: besser und schlechter.