Unwissen

Die Sinnflut

Lose Gedanken zu "Spiritual Connections with Everyday Items" von Koilwood.

It was once known that the energy, time and consideration built into the creation of something doubled the quality of the item.
The time it took for one mother to spin the fibers of an entire garment for her daughter, the time it took the daughter to pick up the trade from her mother and most of all, the commitment that both would shelter in creating something entirely for themselves […] Rituals disappear more and more these days as we see the replacement becoming the false world of the internet.
This is not a plea toward romanticism but merely a reflection on the portion of the soul which now has no voice. What becomes industrialized, what becomes too efficient, then becomes mundane and common by all accounts.

1

Das ist natürlich Quatsch, das Zeit und Energie heute nicht mehr geschätzt werden. Arbeitszeit wird immer noch vergütet, und auch immaterielle Wertschätzung kennt man noch. Ich denke an den Ikea-Effekt, an das Geld das man auszugeben bereit ist für Spiddel von Etsy, an die Freude über einen gehäkelten Schal.

Die Frage ist vielleicht, was Qualität bedeutet – denn ein nicht-selbst-aufgebauter Schrank, massenhaft produzierter Spiddel, ein gekaufter Schal müssen ja nicht unbedingt schlechter sein, nur weil sie nicht von Hand hergestellt wurden. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.

Die grundlegende Beobachtung des Texts ist wahrscheinlich richtig. Überfluss sorgt nicht für Zufriedenheit, wir wollen Arbeiten, es macht uns glücklich, produktiv zu sein.

Aber meine These wäre, dass das nicht daran liegt, dass Arbeit eigentlich bedeutungsvoll ist, aber die Maschinen oder die Arbeitsteilung dafür sorgen, dass diese Bedeutung verloren geht. Im Kern dieser Beobachtung steht, dass uns Anstrengung glücklich macht, und die Frage ist dann, warum wir Anstrengung bis zu einem gewissen Grad genießen. Warum läuft jemand einen Marathon? Warum baut jemand ohne Werkzeug eine Hütte im Wald? Warum schreibt jemand Texte?

Eine Antwort könnte sein, dass es ein evolutionärer Vorteil ist, Anstrengung zu genießen. Wenn es einfacher ist zu sterben, als sich auf Nahrungssuche zu begeben, warum sollte sich ein Tier auf Nahrungssuche begeben? Orientiert an den Ausführungen von Nicolas Humphrey würde ich behaupten, dass unmotivierte, zum Sterben bereite Tiere im Laufe der Zeit schlicht aussterben. Evolutionär setzt sich irgendwann ein Überlebenstrieb durch. Die Tiere, die sich lieber auf Nahrungssuche begeben als zu verhungern, obwohl das einfacher wäre, verhungern eben nicht.1

Es ist Vorteilhaft für das Überleben nicht nur sich anzustrengen, sondern diese Anstrengung zu genießen. Die Freude an der eigenen Arbeit, die Erfüllung durch eine Aufgabe usw. ist evolutionär bedingt und nicht zurückzuführen auf eine essentielle Bedeutung von Arbeit. Bedeutung wird immer zugeschrieben, nichts hat eine Bedeutung ohne bedeutet zu werden.

2

Es sagt überhaupt nichts aus über einen Stuhl, ob er selbst gebaut wurde oder in einer Fabrik. Im Zweifel ist der Stuhl aus der Fabrik wahrscheinlich stabiler. Und es ist gut, wenn vielen Menschen die Möglichkeit offensteht, lebensnotwendige Produkte günstig (für wenig Geld und Zeit) zu erwerben. Da gibt es erstmal gar keinen Grund für Moralisierung.

Sich auf Andere verlassen zu können, nicht alles selbst machen zu müssen – Arbeitsteilung – ist eine Form der Komplexitätsreduktion, auf deren Basis neue Komplexität realisiert werden kann. Jemand übernimmt Aufgaben, damit ich andere Aufgaben erfüllen kann. Damit ich physische und mentale Ressourcen auf anderes Verwenden kann.

Man kann das Entfremdung nennen, aber Entfremdung kann hier nicht mehr nur negativ beschrieben werden. Die guten Seiten des Lebens im dritten Jahrtausend sind nur Möglich um den Preis der Entfremdung des Produzenten vom Produkt und der Entfremdung des Konsumenten Entfremdung von der Produktion.

Fromm nennt Entfremdung den Verlust der Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen, aber dieser Verlust ist auch eine Entlastung. Man ist nicht mehr nur vor sich selbst abhänig, kann sich auf andere verlassen. Aber man muss sich eben auch auf andere verlassen. Hegelianer würden hier eine Dialektik sehen, aber ich glaube nicht, dass sich diese Paradoxie auflösen lässt.

3

Aber offensichtlich heißt das nicht den Verlust der Möglichkeit des Gewinns von Bedeutung aus Handarbeit. Qualität meint für Koilwood offensichtlich einen Wert, die ein Ding durch seine Herkunft verliehen bekommt.

Aber das ist kein modernes Verständnis von Qualität. Die Herkunft eines Dings ist für uns normalerweise egal. Es geht mir bei meinem Schrank nicht darum, woher er kommt, wer ihn aufgebaut oder produziert hat, sondern darum, ob er meine Klamotten aufbewahren kann und gut zum Rest meiner Möbel passt. Es geht mir bei meinem Schal vor allem darum, ob er meinen Hals warm hält.

Dinge, deren Herkunft relevant ist, haben andere Funktionen. Ein geschenktes Ding wird als Geschenk in seiner Funktion durch seine Herkunft, durch die Schenkerin und ihre Intention bestimmt. Ein Stein vom Strand von Kinsale wird bestimmt durch seine Herkunft, weil er mich an einen Urlaub erinnert. Aber das sind Ausnahmen. Das funktionieren der meisten Dinge wird bestimmt durch ihre Relation zu anderen Dingen, nicht nur durch ihre Relation zu mir.

4

Man kann das alles auch umdrehen und in der modernen Gesellschaft gerade eine Überproduktion von Sinn (nicht aber von Bedeutung) sehen.

Ein Beispiel wäre der Buchdruck, mit dem Schrift von einer nur wenigen Personen zugänglichen Seltenheit zu einem Ubimedium (ich glaube, das kommt von Damasio) wird. Die Schrift ist plötzlich überall, und mit ihr auch ihr Sinn. Die dadurch entstehende Überforderung ist, so Dirk Baecker, maßgeblich für das Konzept des Zweifels bei Descartes. Die Welt kann unter Bedingungen der Sinnflut (haha) des Buchdrucks nicht mehr beobachtet werden, ohne sich zu fragen, ob das, was man da beobachtet, wirklich stimmt.

Ein anderes Beispiel ist natürlich die Produktion von Dingen, die immer mehr aufgeladen werden mit Sinn (ein Schrank ist eben nicht nur ein Schrank, sondern auch Symbol für meine Klasse, meinen Geschmack usw.), aber auch ohne diese Aufladung immer weiter über sich hinaus weisen. Gerade hier gleicht der Kapitalismus den Religionen, hat er eine spirituelle Komponente. Jeder Gegenstand, der in der Messe verwendet wird, hat eine Sakrale Bedeutung.

Die Dinge weisen schließlich soweit über sich hinaus, das unverständlich wird, wie wir sie überhaupt als Dinge wahrnehmen können, und nicht zuletzt aus dieser Erfahrung entsteht der Move der Akteur-Netzwerk-Theorie, jedes Ding als Akteur und diesen nur als Knoten in einem Netzwerk zu beschreiben.

In seiner Phänomenologie der Sinnereignisse nennt Mark Richir den Kapitalismus gerade deswegen einen Erzeuger von Unsinn.2 Es gibt zu viele Sinnereignisse, die nicht in der Lage sind, Bedeutsamkeiten zu stiften.

Vielleicht kann man die Unterscheidung von Sinnereignis und Bedeutsamkeit reformulieren als Unterscheidung der virtuellen Differenzen im Sinn, die noch keinen Unterschied machen, von den aktuellen Differenzen des Bewusstseins, die einen Unterschied machen, also etwas Bedeuten. Es gibt heute einen Überfluss an Sinn, der nichts Bedeutet, dessen Informationsgehalt nicht klar ist.

5

Mit dieser Überproduktion von Sinn entsteht ein Bedarf für höhere Selektivität. Es entstehen Mittel, mit der Sinnflut umzugehen, aber oft ist unklar, ob eine Technik eher Teil der Lösung oder Teil des Problems ist.

Mir fallen zu erst die neuronalen Netzwerke ein, die in ihrem Einsatz in LLMs heute die größten Produzenten von bedeutungslosem Sinn sind, in ihrer Verwendung in Suchmaschinen und Chatbots, die Informationen synthetisieren aber gleichzeitig zur Selektion beitragen. Ganz ähnlich fungiert die algorithmisch kuratierte Timeline sowohl als Selektor, als auch als Produzent von Sinn unklarer Bedeutung.

Vermutlich ist aber auch die Renaissance des Blogs ein Ausdruck des Bedrüfnisses nach höherer Selektivität – weniger, dafür überlegtere Inhalte zu konsumieren ist die Maxime. Aber auch die spezialisiertesten, selektivsten Blogposts sind ja Kommunikationen, die neuen Sinn produzieren. Und gerade hier wird deutlich, wie schnell und unkompliziert sich Strukturen entwickeln, die Selektionen von Selektionen von Selektionen selegieren (Listen von Listen von Listen …).

Das alles hat nicht mehr viel zu tun mit dem Text, um den es oben ging. Vielleicht ist das auch eine Form der Entfremdung.

  1. Das ist, nebenbei, auch ein ziemlich gutes Argument gegen die These, dass dem Leben von Beginn an eine Teleologie zum Überleben eingebaut ist. Der Selbsterhaltungstrieb entsteht auf die selbe Weise durch Evolution wie alles andere, es gibt keine transzendenten Zwecke.

  2. Siehe Richir, Marc. Über die phänomenologische Revolution: einige Skizzen. In Gondek, Hans-Dieter, Tobias Nikolaus Klass, und László Tengelyi. Phänomenologie der Sinnereignisse. Übergänge 59. München: Wilhelm Fink, 2011 (62-77).