Unwissen

Notizen zu Deweys Darwinismus

In "The Influence of Darwinism on Philosophy" (1909) versteht Dewey den Darwinismus als Paradigmenwechsel nicht nur in den Naturwissenschaften. Vor dem Hintergrund der Methodenfrage der Geistes- und Kulturwissenschaften argumentiert er, dass eine Abwendung von aristotelischen, teleologischen und metaphysischen Figuren, gerade auch in der Philosophie relevant sein muss.

Darwins Ideen wenden sich gegen ein rationales Christentum, das Gott zwar nicht mehr als Motor, aber immer noch als ursprüngliches Movens, als unbewegten Beweger konzipiert. Auf eine Ähnliche Weise argumentiert Dewey hier gegen transzendentale Begründungen und für eine Anwendung der wissenschaftlichen Methode auf das Gebiet der Philosophie: Die pragmatische Philosophie darf sich nicht mehr an absoluten, transzendenten Identitäten orientieren, sondern soll spezifische Werte und ihre historischen Entstehensbedingungen analysieren. Sie soll empirische Wissenschaft werden genau in diesem Sinn; ewige Prinzipien können und dürfen nicht mehr Explanans sein.

Und es stellt sich die Frage, inwieweit das Wissenschaftsverständnis Deweys selbst evolutionär in diesem Sinn ist. Dass Wissenschaft als Prozess gedacht wird, der nicht ewige Wahrheiten hervorbringt, sondern (immerhin lokal und historisch) situiertes Wissen, kann dabei nur ein Anfang sein. Der Kern des Problems liegt hier eher in der Frage, ob die Logik der Evolution für Dewey auch anwendbar ist auf Ideen, Probleme, Fragen, Wissen.

Zwei Anhaltspunkte gibt es dafür.

  1. Dewey benutzt das Vokabular der Evolutionsbiologie für die Beschreibung des Wissenschaftsprozesses. Zum Beispiel sei der Gedanke, dass bestimmte Werte ihre Bedeutung nur gewinnen würden in Verbindung mit einer ersten Ursache und einem finalen Ziel, sei ein "intellectual atavism", also ein Rückschlag im evolutionsbiologischen Sinn
  2. Schreibt Dewey (44), dass alte Fragen gelöst werden, in dem sie – wie die Varationen, die nicht selegiert werden, verschwinden. Es überstehen die Fragen (und man müsste überlegen, was die Frage mit der Idee und beide mit der Art zu tun haben), die der Situation angemessen, angepasst sind – was auch immer Angepasstheit für eine Idee dann konkret heißt.

Der Einwand, dass einige Ideen nicht mehr zur heutigen Zeit passen, weil sie der ökologischen (oder irgendeiner anderen) Krise nicht gerecht werden, lässt sich, wenn man die Idee von Evolution ernst nimmt, einfach wegwischen. Unter Bedingungen natürlicher Selektion entscheidet allein der Prozess darüber, was eine besser und was eine schlechter angepasste Idee (wenn man so reden will) ist. Für die neodarwinistische Evolutionstheorie (Luhmann) führt zusätzlich die Trennung von System und Umwelt dazu, dass Systeme immer schon (solange sie existieren) angepasst sind an ihre Umwelt und Variation erzeugende Irritationen ("Mutationen") nur im und vom System selbst erzeugt werden können.1

[2025-11-13] Vielleicht bleibt das pragmatische Verständnis Darwins "Origin of Species" – "Variation under Domestikation" beim ersten Kapitel stehen. Man scheint davon auszugehen, dass (nur) die Wissenschaft die Aufgabe der Selektion angemessener Ideen übernimmt. Aber ein evolutionäres Verständnis von Ideengeschichte müsste sich auf die gesamte Gesellschaft beziehen und fragen, was Ideen überhaupt passend macht – nicht nur für die eigenen Theorien. Vielleicht gar nicht für die eigenen Theorien, die man – wenn das Ziel, wie bei Dewey, irgendeine Verbesserung der Gesellschaft durch Wissenschaft ist – für einen Variationsmechanismus halten müsste.

Fraglich ist auch, ob nicht die anonyme Logik der darwinschen Evolutionstheorie selbst wieder zum ewigen, unveränderlichen Prinzip wird.

Gelöst werden kann dieses Problem nur autologisch, in dem die Evolution selbst einer Evolution unterworfen wird. Denkbar ist das zum Beispiel, in dem die Evolutionsfunktionen (die einzelnen Schritte der Evolution: Variation und Selektion; bei Luhmann noch Restabilisierung), als historisch variabel und differenzierbar gedacht werden. Luhmann nimmt an, dass die Funktionen unter bestimmten Bedingungen ununterscheidbar sind, sodass sich drei "Trennprobleme" unterscheiden lassen: Variation als Selektion, Selektion als Restabilisierung, Restabilisierung als Variation. Für Luhmann korrespondiert jedes dieser Probleme mit einer bestimmten Gesellschaftsform (archaisch, stratifikatorisch, modern), was ja sehr gut passt – aber offen lässt, was aus der Evolution der nächsten und übernächsten Gesellschaft wird.

  1. Luhmann führt die daraus resultierenden Probleme aus in "Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?" (1990). Dass Umwelt die Funktionssysteme wegen ihrer Komplexitätsreduktion nur sehr eingeschränkt beeinflussen kann, heißt aber nicht, dass sich die Gesellschaft gar nicht auf ökologische Gefährdungen einstellen kann. Funktionssysteme, die (im Gegensatz zum Wirtschaftssystem) ökologische Gefährdung sehen können, müssen dann in der Gesellschaft für Irritationen sorgen. Protestbewegungen schaffen das durch die Kommunikation von Angst. Es bleibt das Problem, das sich Funktionssysteme auch darauf einstellen können.