Thesen zu einem Faschismus als Entdifferenzierung
Man könnte wahrscheinlich noch viel sagen zum Begriff der Entdifferenzierung, der ja nicht nur im Bezug auf Systeme eine Bedeutung hat. In der erwähnten Stelle über die Postmoderne (GdG 1145) stellt Luhmann fest, dass Entdifferenzierung nicht bedeuten kann, dass Differenzierungen vergessen werden, "denn dann hätte auch das Ent- keinen Sinn". Entdifferenzierung würde also gerade das Bewahren von Differenzen bedeuten. Es geht in der Entdifferenzierung um eine Änderung der Einstellungen zu den Unterscheidungen — im äußersten Fall kann eine Unterscheidung immer noch von ihrer Nicht-Unterscheidung unterschieden werden.
Im Bereich der Systemdifferenzierung führt das zur Feststellung, das alte Differenzierungsformen erhalten bleiben, aber durch neue Differenzierungen überformt werden können. Wenn Entdifferenzierung empirisch festgestellt werden soll, müsste man also sehen, dass einige der Operationen, die vorher nicht aneinander anschließen konnten, füreinander anschlussfähig werden.
[2025-10-26] Ich muss hier vielleicht noch ergänzen, dass dasselbe Ereignis für verschiedene Systeme in verschiedene Operationen dekomponiert werden kann. Etwas zu kaufen ist immer eine Operation im Wirtschaftssystem und ein Rechtsakt, die als solche Sichtbar werden, weil an sie andere Operationen im Wirtschafts- oder Rechtssystem anschließen. Entdifferenzierung würde Bedeuten, dass diese Operationsketten – man könnte von Prozessen sprechen – nicht mehr durchgehalten werden, sondern sich (wie auch immer) verbinden, zusammen-fließen, eben nicht mehr Unterscheidbar sind (auch wenn das nur über den Umweg der Medienkatastrophe denkbar ist).
Man müsste sich an dieser Stelle anderen Begriffen der Differenz und der Differenzierung zuwenden, ein Vergleich mit der Philosophie Deleuzens (…) würde sich anbieten, aber dafür bin ich zu faul.
Das Bündel
Bekanntlich entsteht der Begriff "Faschismus" zunächst als Selbstbezeichnung aus dem italienischen Wort fascio und dem lateinischen fasces, einem Rutenbündel. Das Bündel ist als Symbol nicht inhaltsleer, sondern — und das ist gewissermaßen der Kern der Idee, den Faschismus als Entdifferenzierung zu verstehen — eine präzise Darstellung JEDES faschistischen Programms. Es geht im Faschismus immer um Bündelung, um Herstellung von Einheit, um eine Bewegung gegen die Differenzierung der modernen Gesellschaft.
Paradebeispiel für die Versuche der Entdifferenzierung ist vielleicht die Gleichschaltung der Nationalsozialisten. Und auch in der "Theorie" des NS findet man Beispiele. Carl Schmitt schreibt am 1934 in der deutschen Juristenzeitung:
Der wahre Führer ist immer auch Richter. […] Wer beides voneinander trennen oder gar entgegensetzen will, macht den Richter entweder zum Gegenführer oder zum Werkzeug eines Gegenführers und sucht den Staat mit Hilfe der Justiz aus den Angeln zu heben.
Ganz ähnliche Aussagen machen Vance und Trump nach ihrer Machtübernahme auf Twitter:
Judges aren't allowed to control the executives legitimate power.
— Vance am 09.02.2025
He who saves his Country does not violate any Law.
– Trump am 15.02.2025
Der Tweet von Trump ist ein Zitat von Napoleon, das auch Breivik in seinem Manifest nutzt. Elon Musk re-postet das um 1:14 mit 14 amerikanischen Flaggen …
Behemoth und Leviathan
Apropos Elon Musk. Wahrscheinlich lässt sich auch die Allianz von Tech-Milliardären und MAGA-Bewegung als Entdifferenzierung verstehen. Fluss und Frim beschreiben zwei Pole des Faschismus, die durch mythische Wesen personalisiert werden. Beide stammen aus der Bibel und werden von Hobbes genutzt, beide sind Figuren in der Theorie Carl Schmitts.
- Behemoth ist ein Landwesen. Er ist stark, stabil, autonom oder autochton. Behemoth ist ein Imperium, der russische Bär. Behemoth ist Alexsandr Dugin, er ist Traditionalismus und Stratifikation … Territorialisierung
- Leviathan ist eine Wasserschlange. Er ist schnell, fluide, anpassungsfähig. Leviathan ist eine Seemacht, ein Handelsstaat. Leviathan ist Nick Land, er ist Kapitalismus und Akzelerationismus, Leistungsprinzip … Deterritorialisierung
Behemoth und Leviathan (Dugin und Land) bekämpfen sich. Während Behemoth die Macht des Staates ausbauen will, strebt Leviathan nach seiner Vernichtung. Man kann die amerikanische Situation durch diesen Blick interpretieren. Teile der Regierung werden abgeschafft (das RAGE-Programm von Curtis Yarvin), während der Repressionsapperat ausgebaut wird (der Rassismus von Steve Bannon und Alex "they're turning the fucking frogs gay" Jones) und die staatliche Intervention ins Wirtschaftssystem zunimmt (Investitionspolitik nach russischem oder chinesischem Vorbild?). Und Tech-Milliardäre fordern die Abschaffung des Staates, während sie sich aktiv an seiner Regierung beteiligen — und eigene Staaten konzipieren.
In den Träumen Yarvins werden die Position eines CEOs und eines Königs ununterscheidbar. Dass er mit Konzernen beginnt, tut nichts zur Sache. Die Firma wird zum Staat, der Staat zur Firma. Die Organisationsformen werden diesselbe. Der wahre Führer ist immer auch CEO.
Behemoth und Leviathan sind nicht zwei verschiedene Monster, sondern Hinsichten auf die selbe Bewegung der Entdifferenzierung. Der Faschismus ist gerade das Zusammenkommen von Behemoth und Leviathan, ihr Verlangen, den anderen zu verschlingen. Man muss sich Behemoth und Leviathan vorstellen wie den Ouroboros mal zwei. Einer frisst den anderen, beide fressen sich gegenseitig, innig verschlungen.
Faschismusmaschinen
Vielleicht ist Faschismus — Faschisierung — eine Einverleibung. Mit psychoanalytischem Vokabular könnte man von einem Todestrieb sprechen, vielleicht ist für soziale Systeme der Begriff der Entropie angemessener. Aber Entropie ist unwillkürlich, man wirkt ihr durch Negentropie entgegen …
Guattari schreibt über den Faschismus als Einheit von Eros und Thanatos auf der Seite des Thanatos – im Kampf für den Tod, im Willen zum Tod. Die Faschismusmaschine schließt die Operationsketten, die Luhmann Funktionssysteme nennt, zusammen zu einem großen Apparat. Simon Strick nennt diesen (andauernden?) Prozess der Faschisierung ein totalizing death project.
[E]verything is to be surrendered for the nation, which means everything is to be annihilated for it, leaving it empty and only a provisional name for the drive itself.
– Strick, On Fascistisation and Impoverished Languages (121)
Deswegen lässt sich der faschistische Staat als Amok-Staat interpretieren. Um Eins zu werden mit allem vernichtet er es, verleibt es sich ein, macht es sich untertan … aber er kann nicht alles in sich aufnehmen, sodass er schließlich — um Eins zu werden — sich selbst vernichten muss.
Vielleicht eröffnet sich hier ein neuer Blick darauf, was Entdifferenzierung für den Faschismus heißt — Einheit zu suchen, wo nur Differenz sein kann. Ein System, das eins mit seiner Umwelt werden will, muss sich auflösen. Alles aufzufressen oder alles auszukotzen, ob die Welt eins mit mir wird oder ich eins mit der Welt, das macht am Ende keinen Unterschied.
Ich weiß nicht, ob man dafür eine Faschismusmaschine braucht. Vielleicht kann man die Entdifferenzierung durch Tendenzen in den Funktionssystemen verstehen, Leviathan als Wirtschafts- und Behemoth als politisches System konzipieren? Oder liegt der Ort des Faschismus tatsächlich außerhalb der Funktionssysteme?
Man kann hier Fragen, ob der Faschismus eine Protestbewegung im Sinne Luhmanns ist und würde zu Ergebnissen kommen, die nur für Unruhe sorgen — oder man fragt nach den Bedingungen der Möglichkeit von Faschisierung und gelangt auf das Gebiet der Medientheorie. Die Einführung neuer Verbreitungsmedien, das hatten wir (naja) bereits festgestellt, führt zu katastrophalen Veränderungen im Differenzierungsmodus der Gesellschaft. Hier liegt eine Antwort auf die Frage, warum intensive Faschisierung mit dem Aufkommen des Radios und dem Aufkommen des Internets korreliert, aber man wird den Medien Unrecht tun, wenn man sie zu Faschismusmaschinen macht. Das Radio wird erst als Volksempfänger ganz zur Technik der Faschisierung, und auch das Internet braucht bis zur Erfindung der algorithmisch kuratierten Timeline, um sein Potential in diese Richtung zu entfalten.
Wie auch immer man das Verhältnis von medialen Vorraussetzungen und Sozialstruktur denken will: mit dem Internet erscheint uns das Netzwerk – und mindestens der aktuelle amerikanische Faschismus basiert auf Vernetzung, also einen neuen Differenzierungsmodus.
[Trump] demonstrated that a single individual can transcend august institutions if that individual is networked enough. I wonder who’s now the most connected human being on Earth. Vladimir Putin? Elon Musk? How would you measure it?
– Douglas Coupland
Analysen in diese Richtung finden sich auch im Newsletter von Michael Seemann, der zuletzt nach dem "weißen Wal" der Faschisten fragte. Die Antwort findet er in der Kontrolle:
[I]n einer Welt, in der manche Menschen unbegrenzte Macht über andere durch die Kontrolle von Infrastrukturen erlangen können, ergeben sich aus ihrer Sicht auch Pfadgelegenheiten zur Kontrolle des Unverfügbaren. […] Doch je unverfügbarer etwas ist, desto eher führt der Versuch seiner Kontrolle zur Kontrollsucht. Je mehr man kontrolliert, desto mehr will man kontrollieren, usw. Faschismus ist in seinem im Kern keine Ideologie, sondern eskalierende Kontrollsucht.
Auch die Kontrollsucht lässt sich als Entdifferenzierung verstehen. Systeme können immer nur die eigenen Umweltbeziehungen kontrollieren, die Beziehungen der anderen sind unkontrollierbar, "es sei denn", schreibt Luhmann in Soziale Systeme, "durch Destruktion" (37). Mir ist unklar, wie genau man sich die Destruktion eines anderen Kommunikationssystems durch Kommunikationen vorzustellen hat, aber vielleicht ist hier Autodestruktion – Entdifferenzierung – gemeint.
Differenzierungstheorie und Antifaschismus
Ich möchte in diesem Zusammenhang zurückkommen auf den mysteriösen Zettel 21/3d5b11z/n im ZK II. Warum wird die Theorie der Systemdifferenzierung unbequem, in dem sie Prozessen der Entdifferenzierung ein vorzeitiges Bewusstsein gibt?
Die Stärke der Differenzierungstheorie ist vielleicht gerade, dass sie keinen Begriff für Prozesse der Entdifferenzierung hat. Gerade dadurch muss einer Analyse jede Operation in diese Richtung auffallen, denn sie ist nicht ohne weiteres erklärbar. Die Systemtheorie enthält ein antifaschistisches trojanisches Pferd. Der fehlende, aber implizite Begriff der Entdifferenzierung ist eine Art Warnsystem für Faschisierungsprozesse, und genau das macht die Differenzierungstheorie so unbequem.
Denn wenn man nur immer sagt, nie wieder Auschwitz, das ist natürlich zu wenig. In der Form kommt es natürlich nicht wieder, aber es kann ja in anderen Formen kommen.
– Luhmann, "Es gibt keine Biographie" (22)