Unwissen

Warum "Lesen als soziale Praxis"?

Im Oktober habe ich ein Abstract für den Workshop "Lesen als soziale Praxis" eingereicht, das jetzt abgelehnt wurde. Die Idee war, das Konzept sozialer Praxis in eine Medien- und Theoriegeschichte einzuordnen um zu fragen, wie das Sprechen über "Lesen als soziale Praxis" überhaupt möglich wird und das Argument zu machen, dass die "Lesekrise" die Hinsicht auf Lesen als soziale Praxis vielleicht ebenso erklärt wie diese Hinsicht die "Lesekrise" …

Hier jedenfalls das Abstract (damit es nicht ganz umsonst gewesen ist):

Wenn es stimmt, dass wir gegenwärtig eine Lesekrise durchleben, müsste sich diese nicht auch auf ihre Theorie, auf die Beobachtung der Lesekrise auswirken?

In seinem Aufsatz „Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive” (2003) bringt Andreas Reckwitz die Praxistheorie in Stellung gegen mentalistische Theorien, die das Soziale in Motiven oder im Geist verorten und gegen textualistische Theorien, die Gesellschaft als Diskurs oder Kommunikation verstehen. Stattdessen, so Reckwitz, müsse die soziale Welt konzipiert werden als Geflecht aus verkörperten Praktiken.

In meinem Vortrag schlage ich ausgehend von Armin Nassehis Entgegung auf Reckwitz1 vor, dass die Praxistheorie – und insofern auch die Konzeption des Lesens als soziale Praxis – ihre Plausibilität insbesondere durch eine Veränderung in den Seh- und Lesegewohnheiten der Gesellschaft gewinnt.

Der Mentalismus, der soziales Handeln durch die Motive und die Innenwelt von Akteuren erklärt, wird plausibel durch eine Form der Weltbeobachtung, in der gerade das Mentale sichtbar ist, nicht aber Körper. Mentalistisch ist die Soziologie einer Gesellschaft, die vor allem liest und sich durch Formen wie den Roman beobachtet. Hier entsteht eine Welt, in der Handeln vor allem von Gefühlen und Gedanken – also internen, eben mentalen Phänomenen – strukturiert wird.

Aber an die Stelle des Romans und des Buches als „Leitmedium” tritt im Laufe des 20. Jahrhunderts "eine bildreiche Welt der Massenmedien, in denen die Konfrontation mit allerlei Geschehen ohnehin eine Art practical turn nahelegt, der von Motiven geradezu befreit wird." Auf einem Bild sieht man nicht die Motive von Handelnden, sondern ihre Körper. Und auch in Film und Fernsehen sehen Zuschauende nicht die Innenwelt der Akteure, sondern nur die Interaktionen von Körpern. Die Innenwelten der Figuren müssen in der Handlung rekonstruiert werden – die Nähe zur Praxistheorie ist offenbar.

Die Beobachtung des Lesens als soziale Praxis gewinnt ihre Plausibilität also nicht zuletzt daraus, dass wir eine Lesekrise durchleben und sich die medialen Bedingungen des Zusammenlebens ändern. Deutlich wird hier ein Vorteil der Praxistheorie, der sich gerade aus ihrer anderen medialen Bedingtheit ergibt: eine praxeologische Soziologie sieht nicht nur Anderes, sondern auch anders. Sie gewinnt die Möglichkeit, in Bildern und Szenen zu sehen und ist damit – so könnte man vielleicht mit Vilém Flusser formulieren – nicht mehr an die Linearität und Eindimensionalität der Texte gebunden. Eine Wissenschaft, die mindestens zweidimensional denkt, gewinnt an Perspektiven und damit an Erkenntnismöglichkeiten.

  1. Siehe Nassehi, Armin. Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur modernen Gesellschaft II. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2011, 25.