Unwissen

Baudrillard über Obsidian

Baudrillard beschreibt in "Amerika" (1986) die Obsession, an das eigene Bewusstsein angeschlossen zu sein.

[Der Universitätsangestellte] speichert alles, um dem Endergebnis zu entkommen, um die Frist des Todes zu verlängern und die Schicksalhafte Zeitspanne der Schrift dank des ewigen feed-back mit der Maschine zu dehnen […] Der Intellektuelle hat endlich sein Gegenstück zur Stereoanlage und zum Walkman des Teenagers gefunden: eine aufsehenerregende Entsublimierung des Denkens, die Videographie seiner Begriffe! (54)

Es gibt hier zwei Aspekte, über die man Nachdenken kann. Der erste ist die Angst vor der Endlichkeit, der Finalität des Schreibens. Man traut sich nicht, fertig zu sein, und der Computer oder seine Programme enablen diese Angst, indem sie unendliches Bearbeiten ermöglichen. So viele Texte, die ich nicht zu Ende schreiben werde, weil ich sie nicht zu Ende schreiben muss, weil mir das Papier nicht ausgehen kann oder die Tinte, weil sie nicht verloren gehen (das ist noch ein eigenes Problem). Kein Blogpost, dem ich nicht "nachträglich" noch irgendetwas (und sei es nur die Korrektur eines Rechtschreibefehlers) hinzugefügt hätte, kein Tweet, den man nicht doch noch einmal bearbeiten müsste.

Manche Blogs, wenn man diese Websites noch Blogs nennen kann, machen sich das zum Prinzip und schreiben Texte, die nicht nur ergänzt werden, sondern sich überhaupt verändern.1 Man kann sich dann nicht mehr auf einen Text beziehen als wäre er ein identisches Ding, sondern nur den Text an einem bestimmten Zeitpunkt meinen (deswegen die Datumsangabe in den Zitationen, deswegen das Versionieren in jedem Programm).

Der zweite Aspekt ist die Videographie der Begriffe, eben das Angeschlossen-sein. Das eigene Bewusstsein wird hier zu einer Maschine, die mit dem word-processor ein Interface bekommt. Natürlich sieht man immer nur einen Teil, die Oberfläche, den Gedanken in Worte gefasst oder sich-in-Worte-fassen. Den Denkprozess zu betrachten … Das ist die Idee des Freewriting, des Braindumps. Und auch Apps wie Notion oder Obsidian würde ich als Möglichkeiten für diese Videographie der Begriffe fassen.

Ist nicht die furchtbare Rede vom "second brain" nichts anderes als der Wunsch, das Bewusstsein auf das Gehirn oder auf die Verbindungen zwischen den Synapsen zu reduzieren und das ganze in einem digitalen Modell nachzubauen? Entsteht nicht in der Visualisierung der Links zwischen den Notizen, im Graph von Obsidian, ein Bild des Denkens? Die Begriffe, die Gedanken, werden zu Punkten auf dem Bildschirm, zu Identitäten, deren Verhältnis durch Links, die hier als Vektoren erscheinen, dargestellt werden. Man sieht "alles" – und damit gar nichts. Vom in den Nachthimmel starren lernt man noch nichts über einzelne Sterne, dazu sind präzise Werkzeuge nötig. Ferngläser, Teleskope … Oligoptiken.2

Die Faszination mit dem Sternenhimmel oder dem Graph hat keinen Zweck, der unmittelbar mit der Arbeit verbunden ist. Dem Pfad des baudrilliardschen Vulgärfreudianismus folgend kann man überlegen, ob der Graph nicht ein Spiegel im Sinne Lacans (ein Vulgärlacanianismus also) sein müsste; ein Objekt, in dem das gespaltene Subjekt seine Einheit sucht (aber – natürlich – nicht findet), seinen Narzissmus befriedigt.

Diese Programme (der Name "everything-app" zeigt sehr schön ihren totalisierenden Anspruch) dienen nicht zuerst der Verbesserung des Gedächtnisses oder dem Finden von Ideen und "patterns", sondern der Konstitution dessen, was man dann "Ich" nennt. Das ist natürlich gar nicht neu und gar nicht auf Apps beschränkt, aber es gibt heute mehr und zugänglichere Identifikationsobjekte dieser Art als früher. Man hat nicht mehr nur ein Tagebuch und ein Fotoalbum, sondern eine Journal-App und eine App zum Habits tracken und eine für Bücher und eine für Filme und einen Blog und einen Twitter und einen Instagram-Account … und weil durch diese interne Fragmentierung der Computer und Handys gar keine Einheit möglich wird, braucht man eine App to rule them all, mit einem schönen Graph, in dem man sich "wirklich" als Ganzes sieht. Aber natürlich muss man die Verbindungen zwischen den Notizen nicht visualisieren. Und man kann Obsidian und Notion und ihre Äquivalente ja auch und gerade als Dividuum3, das seine Dividualität schätzt und ausschöpfen will, benutzen.

Aber ich frage mich, wie ernst die Rede von der Entsublimierung gemeint sein kann. Hier wird ja nichts entedelt, nichts wird in seinen eigentlichen Zustand zurück versetzt. Als gäbe es ein eigentliches, ein erstes Denken. Und ist nicht der Computer "nur" ein neues Denkwerkzeug, das den Eindruck des Angeschlossen-Seins erzeugt? "Sublimiert" nicht der Link die anderen Arten der Verbindung von Begriffen? "Sublimiert" nicht auch die Sprache die Gedanken? Und womit wurde das Denken vorher sublimiert? Warum haben andere Denkwerkzeuge (ein furchtbares Wort) einen anderen Status als der Computer?

  1. Ich denke an gwern.net: "So this suggests a solution: never start. Merely have perpetual drafts, which one tweaks from time to time". Schön sind auch die "Notebooks" von bactra. Und auch Wikipedia-Artikel funktionieren ja so.

  2. Das weiß natürlich auch der Obsidianer und nutzt deswegen den lokalen Graph, der nur die Verbindungen einer einzelnen Notiz zeigt.

  3. Wie verhält sich das Dividuum zum gespalten Subjekt? Kann man es so zum -jekt machen?