Unwissen

Müde Gedanken zu Wicked

Am Mittwoch bei "Wicked" im Kino gewesen, habe die ganze Zeit an das Wenige gedacht, was ich über Girard (und Peter Thiel, der ja großer Fan ist) weiß. Soundtrack für diese Folge: Dancing through life.

Ich habe Girard nicht gelesen (das sind natürlich ideale Voraussetzungen für einen Blogpost über Girard), aber Dirk Baecker beschreibt seine "anthropologische Opfertheorie" in seinem Aufsatz über Gewalt (1996) ungefähr so: Menschen begehren die selben knappen Objekte. Dadurch bricht Gewalt aus. Die Gewaltkrise wird gelöst, in dem ein Bösewicht gefunden wird, der sich opfern muss, um die Gesellschaft zu befrieden und damit gleichzeitig auch irgendwie Held ist.

Gar nicht so weit entfernt Girard selbst in "Battling to the End":

There is a point when mimetic violence, in which each imitates the other and becomes the other’s rival for acquisition of increasingly symbolic objects, is so widespread in a group beginning to emerge that the group unconsciously avoids self-destruction by polarizing its violence around an individual who is a little more noticeable or disturbing.

Die Theorie hat also zwei Komponenten: das "mimetische Begehren" und die Opfertheorie. Man findet das Begehren in Wicked – Elphaba und Glinda begehren den gleichen Mann, alle begehren ein Treffen mit dem Zauberer – aber mit der Vertreibung der Tiere durch den Zauberer,1 die die Handlung antreibt,2 hat das nichts zu tun. Ganz klar ist dagegen die Opfertheorie. Ein hervorragendes Opfer ist Elphaba schon deswegen, weil sie mit grüner Haut geboren wird (und im Buch ist sie wirklich insgesamt monströs):

monsters for Girard are indications of cultural scapegoating … [e]ven while she tries to be good, because she is a monster every action is monstrous
über Wicked in der Girard Facebook-Gruppe3

Um den Zauberer zu besiegen und die von ihm und dieser seltsamen Wetterhexe gegen die Tiere radikalisierte Gesellschaft zu befrieden, lässt sich Elphaba am Ende von Dorothy schmelzen (jedenfalls tut sie so). Aber erst, nach dem sie beschlossen hat, wirklich böse zu werden … und sich sofort doch wieder dagegen entscheidet, denn sonst würde sie ja nicht das Gute tun und sich Opfern. Dass sie sich selbst scape-goated macht sie zu einer Art Held.

Aber ein Held im klassischen Sinn ist Elphaba schon deswegen nicht, weil sie kein Mann ist (sondern ein "Monster" und eine Frau … irgendein -jekt wird sich für sie schon finden).

Vielleicht ist das Problem des Helden, dass er die Unterscheidung über Gut und Böse von seiner Position auf einer (der guten) Seite der Unterscheidung macht, und damit eine Paradoxie entsteht. Der Held ist gut oder will gut sein, entscheidet über seine Gutheit aber selbst. Sich selbst für gut zu halten kann aber gar nicht gut sein … dieses Egoismus-Problem führt dann auch bei Wicked zu der Krise, in der Elphaba sich zum Böse-sein entscheidet. Man kann die Entscheidung auch vor- oder rückverlegen und anderen überlassen, aber auch so ist das Problem, dass der Held manchmal Böses tun muss, um gut zu sein, nicht zu umgehen. Eigentlich ist das ja das Problem des klassischen Superhelden (Superman, Batman). Er weiß um sein Gut-sein, aber die anderen wissen es nicht, und das führt soweit, dass er es manchmal selbst vergisst und dann von seinem Vater oder Butler daran erinnert werden muss.

Natürlich kann man auch damit Spielen, dass die Helden sich falsch einschätzen oder falsch eingeschätzt werden und eigentlich Böse sind. Das ist das Problem von "The Boys", und sehr clever ist hier, dass die Unterscheidung von Gut und Böse dem Zuschauer überlassen und dann aufgrund der furchtbaren Methoden der Boys selbst auf die Seite des Bösen geschoben wird. "Die Guten", die eigentlichen Helden, und "die Bösen" treffen sich auf der Seite des Bösen.

Bei Wicked dreht sich diese Figur. Elphaba ist gut oder jedenfalls nicht so böse, wie alle anderen denken. Glinda, eigentlich ja ihre direkte Antagonistin, ist aber auch nicht böse, sondern naiv. Der Antagonismus von Elphaba und Glinda wird aufgelöst in einem höheren Antagonismus4 zwischen Elphaba und Glinda und dem Zauberer. Glinda und Elphaba rücken so beide auf die Seite des Guten, und weil man die Perspektive Dorothys nicht einmal mehr erwähnt, lässt sich das auch nicht in Frage stellen.

  1. Die von Peter Dinklage gespielte Ziege ist im wahrsten Sinn des Wortes eine scapegoat!

  2. Aber eher wie ein MacGuffin, eigentlich sind die Tiere völlig egal. Der Grund für den Hass des Zauberers auf die Tiere wird überhaupt nicht klar, aber man kann auch nicht alles haben.

  3. Freue mich natürlich, dass dieser Zusammenhang auch anderen aufgefallen ist. Es scheint, als würde das alles auch in Suzanne Ross, "The Wicked Truth: When Good People Do Bad Things" thematisiert werden, aber ich bin zu faul das nachzulesen.

  4. Hier sieht man, wie hegelianisch das Narrativ oder wie narrativ der Heglianismus ist!