Notizen zur (Un-)Sichtbarkeit von Prozess
Ich versuche gerade Feyerabend zu lesen und verzweifle ein bisschen daran, dass es von jedem Text ungefähr zehn Varianten gibt. Die Ausgabe von "Against Method" aus 1993 enthält zwei Vorworte und zwei Einleitungen, ein Teil, der in der deutschen Edition noch Appendix ist, wurde in das Buch eingebaut, aber dafür gibt es ein "Postscript on Relativism".
Was ich hier geschrieben habe gilt offensichtlich auch für physische Texte:
Manche Blogs, wenn man diese Websites noch Blogs nennen kann, machen sich das zum Prinzip und schreiben Texte, die nicht nur ergänzt werden, sondern sich überhaupt verändern. Man kann sich dann nicht mehr auf einen Text beziehen als wäre er ein identisches Ding, sondern nur den Text an einem bestimmten Zeitpunkt meinen (deswegen die Datumsangabe in den Zitationen, deswegen das Versionieren in jedem Programm).
Was spricht dagegen, einfach ein zweites oder drittes Buch zu publizieren, das die shortcomings des ersten thematisiert? Davon hat man doch viel mehr (mehr Publikationen, mehr verkaufte Bücher …). Jemand, der die erste Auflage von "Against Method" besitzt, wird sich doch nicht die zweite oder dritte kaufen, um zu schauen, ob der Autor seine Fehler behoben hat oder problematische Stellen erklärt? Hat man Angst davor, falsch verstanden zu werden? Angst davor, dass ein altes Buch (und das gleiche lässt sich auch für Blogposts und so weiter sagen) nicht mehr den eigenen Ansprüchen entspricht, nicht mehr mit ihnen identisch ist?
Natürlich mache ich daraus ein Problem von Identität und Differenz. Und natürlich will ich nicht für die böse Identität streiten, obwohl ich ja will, dass die Texte identisch bleiben. Das alle das selbe Buch meinen, wenn sie vom selben Buch sprechen. Und den EditorInnen und ArchivarInnen ein bisschen Arbeit ersparen.
Wie kann einer für die Identität von Texten argumentieren, der sonst immer Differenz betont?
Man könnte hier bestimmt über Perfektionismus sprechen und die Unmöglichkeit von Perfektion betonen (oder umgekehrt alles schon für Perfekt halten). Aber viel stärker ist vielleicht das Argument, dass diese Art von oder dieser Umgang mit Text jede Art von Prozess unsichtbar macht. Sicher, es gibt ein zweites und ein drittes und ein viertes Vorwort, aber was sich im Text verändert hat sieht man nur durch Vergleich oder in aufwendigen Editionen. Sonst ist nur sichtbar, was gerade da ist. Es gibt nur die Gegenwart, in der der gesamte Prozess hierhin als Einheit erscheint.
Man kann die Zeit nicht von der Seite anschauen. Oder? Ab und zu sieht man Gesteinsschichten oder die Jahresringe eines Baums. Und auch Versionierungssysteme wie Git (und das, was bei Word oder Docs möglich ist) ermöglichen ja die Wiedervergegenwärtigung vergangener Zustände, die dann also gar nicht mehr vergangen, sondern eben gegenwärtig sind. In solchen Fällen – die natürlich ausnahmslos Bilder der Vergangenheit, nie die Vergangenheit selbst zeigen – werden Prozesse sichtbar, man findet so etwas wie Geschichte.
Ich möchte solche Schichten häufiger sehen. Nicht nur vor Felswänden oder in Museen, sondern vor allem auch im Internet. Man muss sie ja meistens nicht einmal freilegen (wie Gesteinsschichten oder Jahresringe), sondern nur die Akkumulation des Materials (oder der Zeit) nicht verdecken. Damit Geschichte möglich, damit Differenz sichtbar bleibt.
Das ist mir zu pathetisch, aber zur Not kann ich es ja einfach wieder löschen. Naja. Unterstützt das Internet Archive.