Was ist ein Link?
Heute gibt es sogar Beispiele!
Ein Hypertext ist ein nicht-linearer Text, der in einer netzartigen Struktur angelegt und nicht dafür geschrieben ist, von Anfang bis Ende gelesen zu werden, steht auf Wikipedia. Das klingt nicht falsch, aber es wirft Fragen auf.
Ist eine einzelne Webpage schon ein Hypertext, wenn sie durch ihre Links auf andere Pages der selben Website verweist? Und wie bestimmen sich die Grenzen des Texts, wenn auch auf Pages verwiesen wird, die außerhalb der Website liegen?1 Ist das gesamte Internet ein Text?
Und was ist ein Link?
Man kann hier technisch formulieren, eine Stelle auf dem Bildschirm meinen, die eine andere Seite aufruft. Aber es wird interessanter, wenn man Latour folgt, für den die Verbindungen nie technisch sind. Dann taucht die Frage auf, ob nicht alle Texte als Hypertext vorgestellt werden können, auch lineare. Denn es gibt sowohl in ihnen Verweise auf anderes, Rück- und Vorgriffe, als auch aus ihnen heraus. Jeder Text ist mit anderen Texten, aber auch mit Anderem überhaupt verbunden.
Man könnte hier mit Derrida anschließen und feststellen, dass der Begriff "Hypertext" für ihn gar keinen Sinn macht, weil Bedeutung auch in linearen Texten immer aufgeschoben und verwiesen wird oder weil für Derrida ohnehin alles irgendwie Text ist. Aber man muss kein Hermeneutiker oder Dekonstruktivist sein, um zu Wissen, dass Sätze, das Texte … immer mehr sind als sie selbst und über sich hinaus weisen.
Luhmann denkt Sinn als das Medium der Operationen der Sinnsysteme, das durch ihre Operationsweise entsteht. Er ist das "prozessieren sinnhafter Differenz" und besteht aus der Differenz von Aktuellem und Möglichen. Er ist also Verweisungsüberschuss. Schließt eine Operation an die vorherige an, wird eine Verweisung aktualisiert, andere werden virtualisiert – sie bleiben als Verweisung erhalten, gleichzeitig entstehen natürlich auch neue "Möglichkeiten", neue Verweisungen.2
Das zentrale Problem sozialer Systeme ist die Reduktion von Weltkomplexität und ihre Übersetzung in Systemkomplexität. Luhmann konstruiert daraus eine Paradoxie und spricht vom Aufbau von Komplexität durch Reduktion von Komplexität. Komplexität – und das heißt hier Möglichkeiten im Verweisungsüberschuss – können Systeme (zum Beispiel) reduzieren, in dem sie erwartete Anschlüsse spezifizieren.
Auf die Frage des Baristas3, was ich trinken möchte, kann ich nur sinnvoll (und das heißt hier – in Erfüllung der sinnhaften Erwartungen des Baristas) antworten, wenn ich mich auf die Karte beziehe (oder wenigstens auf Nahrungsmittel). Alles andere sorgt für Irritation, und in der Folge (wenn jeder zweite Tee bestellt, obwohl die Karte nur Kaffee bietet und das hier eine Rösterei ist) vielleicht für Evolution (in dem Tee zur Karte hinzugefügt wird).
Auf eine andere Weise kann man sich diesem Theoriestück nähern, wenn man Fragt, wie Systeme ihre Autopoiesis sicherstellen. Damit ein Kommunikationssystem bestehen bleibt, muss kommuniziert werden. Und Luhmanns Vorschlag ist hier davon auszugehen, dass es bestimmte Medien gibt, die Anschluss gewährleisten. Vereinfacht kann man Fragen, warum auf bestimmte Kommunikationen (es geht um Kommunikationen in Funktionssystemen, also um Rechtsakte, wirtschaftliche Transaktionen …) so selten "nein" gesagt wird. Nicht, weil alle ohnehin Herdenmenschen sind und nicht wissen, dass man nicht bejahen soll wie ein Esel (Nietzsche und Deleuze), sondern weil es Einrichtungen gibt, die das "ja", den Anschluss an die Kommunikation garantieren.
Der Barista wird mir den Kaffee verkaufen, wenn ich ihm genug Geld gebe. Und er wird mir auch noch einen zweiten und einen dritten Kaffe verkaufen. Aber Möglich wird das in seiner Verlässlichkeit nur durch das Erfolgs- oder symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium, das wir Geld nennen. Analog dazu kann man sich Recht, politische Macht, Liebe, Gesundheit … vorstellen. Das sind alles nur Einrichtungen, die die Annahme bestimmter Kommunikation ermöglichen.
Systeme haben also die Aufgabe, Komplexität zu reduzieren und die Aufgabe, für Anschlusskommunikation zu sorgen. Beide Aufgaben hängen zusammen, können vielleicht gar nicht wirklich in zwei Aufgaben geteilt werden … ein generalisiertes Kommunikationsmedium ist eine Abstraktion, also eine Form der Reduktion von Komplexität. Aber die Entstehung dieser Medien ist sehr Voraussetzungsreich, und es ist davon auszugehen, dass es andere Formen gibt, die ähnliches leisten.
Ganz basal ist Sprache überhaupt eine Einrichtung zur Reduktion von Komplexität: es kann nicht alles gesagt werden. Und durch die Wiederholung bestimmter Worte entstehen Identitäten, irgendwann merkt man ('merkt' im wahrsten Sinn des Wortes – es bildet sich ein Gedächtnis), trotz riesigem Verweisungshorizont, was gemeint ist. Einen deutlich höheren Abstraktionsgrad haben spezifische Begriffe, auch wenn man sie (wie es bei James oder Deleuze passiert) ähnlich erklären kann. Begriffe werden hier zu Gewohnheiten: man bezeichnet dasselbe immer wieder mit demselben Begriff, bis er für sich alleine steht.
Verwendet man einen Begriff (und nicht nur ein Wort), verkleinert sich die Möglichkeit für Anschlusskommunikation, reduziert sich Komplexität, werden bestimmte nächste Operationen erwartbar. Jemand sagt oder schreibt System (und nicht Netzwerk) und erwartet, dass man antwortet, das man da nichts machen kann (denn wenn etwas systematisch ist, dann hilft nur der Sturz des Systems) oder das man Hegel referiert oder Parsons oder Luhmann. Sichtbar wird hier, das – obwohl Möglichkeiten eingeschränkt wurden, immer noch unzählige Anschlussmöglichkeiten übrig bleiben. Man kann das spezifizieren und vom System der Wissenschaft sprechen und eine Antwort erwarten, die sich auf die Phänomenologie des Geistes bezieht, aber man wird nie so spezifisch sein können, dass man die Anschlusskommunikation vorherbestimmen kann.
Damit klar wird, was das mit dem Link zu tun hat, müssen wir die Metapher des Gesprächs, in der Kommunikation immer einer Person zugerechnet wird, fallen lassen. "Nur die Kommunikation kann Kommunizieren", predigt Sankt Niklas, und er meint, das wir uns die Kommunikation als geschlossenes System vorzustellen haben. Ich hatte schon anderswo von den Operationsketten der Zeitsysteme gesprochen, und diese Metapher ist hier geigneter. Das Gespräch ist nicht eine Konversation zwischen zwei Personen oder Menschen, sondern eine Kette von Operationen, Kommunikationen. Jede Operation produziert Sinn, das heißt: sie verweist auf Möglichkeiten für Anschlüsse. Eine Operation folgt der anderen, und die Frage, die ich in den letzten Abschnitten bearbeitet habe ist: warum diese Operation und nicht eine andere.
Das Internet, der Hypertext, ist (wie das Gespräch oder ein Buch oder ein Podcast (hier wäre die Frage, inwieweit sich diese Formen in Einzeloperationen dekomponieren lassen)) eine Kette von Kommunikationen. Jeder Blogpost zum Beispiel verweist mit seinen Begriffen auf weiteres, jeder Blogpost ist ein bisschen transzendent (im Sinne Latours!). Man erwartet auf Basis der Begriffe bestimmte Anschlusskommunikationen (man kann in der Mensa über die -jekte diskutieren und dann darüber, was die Erfinder damit meinen), aber es ist nicht möglich, sie absolut zu spezifizieren. Oder?
Vielleicht ist das die Funktion des Links im Hypertext. Er verweist auf eine ganz konkrete Möglichkeit für Anschlusskommunikation, die dann aktualisiert werden kann. Er reduziert die Verweisungen auf genau einen anderen Text, einen anderen Ort im Hypertext. Er beschränkt Komplexität und ermöglicht damit das, was wir als Internet erleben.
Apropos Links! Und inspiriert ist dieser Post von dem hier, auch (oder gerade) weil ich Schizophrenie und Autismus als Metaphern ein bisschen befremdlich finde.
Website darf eigentlich nicht mit Webseite übersetzt werden. Gemeint ist eher ein Netz-Ort. Die Page – das, was bei der Auflösung einer bestimmten URL angezeigt wird – entspricht ungefähr dem, was eine Seite im Buch war (obwohl das ja nur für static-sites gilt, dynamisch generierte Websites sind nur noch Orte).↩
Zum Verhältnis von Dekonstruktion und Systemtheorie siehe den Aufsatz "Dekonstruktion als Beobachtung zweiter Ordnung" In: Luhmann, Aufsätze und Reden, Stuttgart: Reclam, 2001.↩
Man möge den Mann im Beispiel verzeihen, ich wollte eine Frau zum Teil der Konversation machen aber weiß nicht, was die feminine Form von Barista ist. Vielleicht Barista?↩